Ein Morgen, der mit einem Screenshot beginnt
Es ist 8:10 Uhr, ein Montag im November. Auf dem Beamer in einem Klassenzimmer der 7b erscheint ein Chatverlauf: Eine Schülerin wird aus einer Gruppe ausgeschlossen, weil sie ein peinliches Foto nicht löschen will. Die Klasse soll entscheiden, was als Nächstes passiert. Genau hier setzt Holly Win an. Holly Win ist kein Wettbewerb und keine App, sondern ein 90-minütiger Peer-Workshop, den ältere Schülerinnen und Schüler für jüngere Jahrgänge entwickeln. Der Name steht für das Ziel: nicht moralisieren, sondern Handlungsspielräume gewinnen.
Wie Holly Win Entscheidungen sichtbar macht
Das Format arbeitet mit drei fiktiven, aber realistischen Szenarien. In Kleingruppen von vier Personen bekommen die Jugendlichen je eine Karte: ein ausgrenzender Gruppenchat, ein gefälschtes Profil und ein Video, das ohne Zustimmung weitergeleitet wird. Jede Gruppe muss innerhalb von acht Minuten eine Entscheidung treffen und sie mit einem Satz begründen. Die Workshop-Leitung greift nicht sofort ein, sondern sammelt die Begründungen an der Tafel. Dadurch wird sichtbar, dass es selten nur eine richtige Antwort gibt – aber sehr wohl unterschiedlich folgenreiche.
Die drei Szenarien
- Gruppenchat: Eine Person wird ausgeschlossen. Die Gruppe diskutiert, ob ein Screenshot als Beweis reicht oder ob das Gespräch gesucht werden muss.
- Fake-Profil: Ein Profil gibt sich als Mitschülerin aus. Die Aufgabe: melden, dokumentieren, aber nicht öffentlich anprangern.
- Video ohne Zustimmung: Ein peinlicher Clip kursiert. Die Gruppe entscheidet, wer informiert wird und welche Frist gesetzt wird.
Was Lehrkräfte daraus mitnehmen
Nach der ersten Runde beobachten Lehrkräfte häufig einen Wechsel: Statt „Das ist verboten“ sagen Schülerinnen und Schüler nun „Das kann für die Person teuer werden“ oder „Wenn wir schweigen, wird es größer“. Holly Win verschiebt die Perspektive von der Regel zur Folge. Ein zweiter Effekt ist die Peer-Ebene: Die Workshopleitung ist nur zwei bis drei Jahre älter, nicht die Lehrkraft. Das senkt die Hemmschwelle, eigene Fehler zuzugeben. Wer ähnliche Formate an der eigenen Schule einbetten möchte, findet unter https://nmsbruesslgasse.at/ einen Einblick in den Schulalltag, in dem solche Projekte stattfinden.
Wo Holly Win an Grenzen stößt
Der Workshop ersetzt keine Krisenintervention. Bei echten Bedrohungen, strafrechtlich relevanten Inhalten oder psychischer Belastung müssen Lehrkräfte und Schulsozialarbeit übernehmen. Holly Win funktioniert dann am besten, wenn im Anschluss klare Ansprechpersonen und ein Meldeweg bekannt sind. In der Auswertung einer siebten Klasse zeigte sich außerdem, dass die Wirkung nach vier Wochen nachlässt, wenn keine Nachfolgeaufgabe folgt. Deshalb endet Holly Win nicht mit der letzten Karte, sondern mit einem konkreten Auftrag: Jede Gruppe formuliert eine Regel, die sie in der kommenden Woche im eigenen Klassenchat ausprobiert.
